Traum oder Vision

Fast alle Religionen sind aus Visionen entstanden. Denken wir an Moses und den brennenden Dornbusch. An Jacob und die Himmelsleiter (nur 2 Beispiele aus der Bibel). Denken wir an Mohammed, dem Begründer des Islams und es gibt noch viele andere.
Es müssen nicht immer nur die großen Visionen sein, die Menschen leiten. Sondern auch die vielen kleinen. Tatsache ist, es gibt Visionen. Und nicht nur im Traum, manchmal auch in den Gedanken. Ein Gedanke, der das Leben leitet. Ein Gedanke der nicht mehr loslässt. Ein Gedanke, der das Lebensziel bedeutet. Aber vor allem eine Antwort auf Fragen, wirkliche und persönliche Fragen.
Ich weiß nicht wie viele Menschen Visionen im Traum haben. Die meisten werden zwar nicht darüber sprechen, aber diese Visionen sind immer für Ihr Leben bestimmend. So auch meine.
Lange Jahre hatte ich mich bereits mit Hexen und dem Christentum beschäftigt. Fragen nichts als Fragen. Geschichte des Christentums, Geschichte der Hexen, Geschichte der Bibel und der Konzilen.
Wissen und die Suche nach der Wahrheit. Ich konnte nicht einfach 2000 Jahre Menschheitsgeschichte und Entwicklung vergessen. Ich konnte nicht einfach das Christentum beiseite legen und mich wieder in den Glauben der Menschen vor 2000 Jahren einfügen.
Die Karawane des Wissens, des Lernens durch die Jahrhunderte. War ich vielleicht auf dem falschen Weg? Lag es nur an mir? Hatten die vielen Menschen denen das Christentum half, nicht doch Recht ? Fragen und nochmals Fragen.
Am 10. Juli 1997 bekam ich meine Antwort. Meine Vision, eine Traumvision.
Einen Traum, der heute mein Leben bestimmt. Ein Traum, der heute nach so vielen Jahren immer noch lebendig ist. Ein Traum, von dem ich die Worte immer noch im Ohr habe. Worte und Antworten.
Und deshalb erzähle ich Ihnen, lieber Leser, meinen Traum oder Vision:
Ich stand vor dem Grab meiner Mutter. Die Sonne schien zwischen den großen alten Bäumen hervor, einige Vogelstimmen, ansonsten Stille. Eine angenehme, friedliche Stille. Ein wunderschöner Tag voller Harmonie. Ich fühlte mich friedlich, so frei und unheimlich glücklich. Aber ich fühlte, dass ich nun Sterben werde. Dass ich nie wieder hier herkommen werde. Ich nahm Abschied. Abschied vom Grab meiner Mutter. Lange und ausgiebig betrachtete ich den Grabstein. Er war anders als sonst, breiter und größer, aber doch vertraut. Als wenn er immer so gewesen wäre. Ich sah zwei Gläser neben den Schriftzügen. Zwei Gläser, von denen eines geleert wurde und das andere wieder gefüllt wurde.
Ich machte mir keine Gedanken darüber, denn mir war gewiss, heute bin ich zum letzten Male hier. Heute werde ich sterben. Ich empfand dabei keinerlei Angst sondern nur erwartungsvoller Frieden und Harmonie. Dann drehte ich mich vom Grab weg, ging die große Allee mit den wunderschönen alten Plantanen herunter, durch das schmiedeeiserne große Tor direkt zur Straßenbahn. Ich stieg in eine Straßenbahn ein . Obwohl mir im gleichen Moment bewusst wurde dass es in meiner Heimatstadt seit 40 Jahren keine Straßenbahn mehr gab.
Ich stieg ein in diese Straßenbahn, betrachtete die Menschen und spürte sofort dass diese die letzte Reise war. Wir waren alle Sterbenden. Durch die leicht abgetönten Scheiben konnte ich das Leben draußen betrachten. Die Menschen, das alltägliche Leben der Stadt, mit der Gewissheit nie wieder daran teilzunehmen. Für mich war der Zug abgefahren. Haltestelle um Haltestelle stiegen Menschen zu. Ein Aussteigen gab es nicht mehr. Wir waren alle auf dem gleichen Weg. Ich sah mich um. Keiner blickte den anderen an. Stur die Augen gesenkt, angstvolle Mienen oder Aussichtslosigkeit auf den Gesichtern. Keiner schaute mich an. Keiner nahm den anderen überhaupt wahr. Warum?
Die Straßenbahn hatte die Endstadion erreicht. Ein sonniges Feld, grüne Wiesen, Butterblumen und einen hellen sprudelten Bach. Herrliches klares kühles Wasser. Einzeln, nacheinander stiegen wir aus. Überquerten den Bach auf Steinen. Mein Blick fiel auf meine Schuhe. "Warum in Gotteswillen hatte ich denn braune Schuhe an? Ausgerechnet braune Schuhe". Blöder Gedanke.
Der Weg führte über eine lange eiserne Wendeltreppe hinab. War ich jetzt in der Anderswelt ? Sah so das Jenseits aus?
Ich kam am Königswall der sechziger Jahre an. Die Schulen waren gerade neu erbaut, alle Bäume standen noch. Nichts war verändert seit dem. Verwundert blickte ich mich um. Es war der Königswall meiner Kindheit. Irritiert durch die Farbe des Himmels trat ich zur Seite. Der Himmel war blutrot. Blutrot und trotzdem helles Sonnenlicht. Ein Licht, das alles durchstrahlte.
Vor den Schulen standen Busse. Busse und Karren ganz wie damals, als die Schüler Ausflugsfahrten hatten. Busse, volle Busse und die Menschen stiegen ein. Die Köpfe gesenkt, einer nach dem anderen stieg in die wartenden Busse ein. Nur ich stand immer noch an der Seite wartend. Wartend auf was?
Ich schaute mich um, betrachtete die Szene und die Busse. Mir fiel auf, dass diese Busse die Zeichen der Religionen trugen. Das Kreuz, der Halbmond, den Davidsstern. Christen, Juden Moslems? Die Menschen stiegen ein, nackt, alle waren auf einmal nackt. Nur ich nicht.
Unkritisch stiegen die Menschen ein. Sie nahmen nicht einmal wahr, dass nur Leichen in den Bussen waren. Leichen, tote Körper, aufeinander, übereinander. Wie Schafe auf der Schlachtbank. Einer nach dem anderen. Und ich? Ich stand da und wartete. Auf was?
Dann bemerkte ich eine Figur. Eine steinerne Figur. Sie zog mich magisch an. Als ich näher trat fühlte ich, das war mein Weg, das war mein Ziel.
Eine Figur, ein Gesicht. Ein Gesicht, welches mich anlächelte. Eine innerliche Gewissheit die sich breit machte. Ich streckte meine Hände IHR entgegen und wusste wer SIE war.
"Die große Mutter" die Mutter des Lebens stand vor mir und nahm meine Hände. Die Weise Alte nahm mich an die Hand. Mich und alle meine Fragen. "Du bist die Mutter, die Mutter die Grosse" sprach ich laut heraus.
"Ja" sprach Sie "ich bin\\'s". Ich blickte SIE an und SIE sprach lächelnd zu mir:

Ob Frigg oder Freia, ob Hera, Athene, Maria und Isis, ich bin \\'s. Alle sind eins. Teile des Ganzen, des Ganzen der Mutter, von allem Geschlecht. Ob Götter und Menschen, ob Tiere und
Pflanzen Die Mutter war ich und werd\\'s immer sein. Sie zeigte auf die Leichenbusse, auf die Toten und auch auf die Sterbenden an den Strassenrändern, die zu keinem der Religionen gehörten und deshalb einfach herum lagen. Sie bemerkte dabei "Zerstört ist alles, nichts hat erbarmen"

Auf dem Weg zu meinem Elternhaus erklärte Sie mir alle meine Fragen. Und ich hatte viele Fragen. Wir erreichten mein Elternhaus. Nur meinen Bruder gab es hier noch, der sterbend vor dem Haus lag und um Hilfe schrie. Ich wollte ihm die Hand reichen, aber SIE hielt mich zurück. Ich sah SIE an und wusste was ich ihm sagen sollte :
"Du kannst hier liegen bleiben und verwesen, Du kannst hingehen zu den Christen. Am End ist alles keine Frage. Es geht zur "Großen Mutter" hin.
Die Weise Alte lächelte, fasste mich fest an die Schulter und sagte mir : "Wach auf jetzt, wach auf und schreibe."
Ich wachte auf im meinem Bett mit der Gewissheit einer Aufgabe.
Auch wenn diese jetzt schon Jahre her ist. Begleitet mich dieser Auftrag täglich. Und auch wenn ich noch vieles lernen musste. Jetzt schreibe ich.